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Peter Molyneux schießt mit Luftgewehr um sich!29 min read

11. März 2015 19 Minimale Lesezeit
Kai Seuthe

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Peter Molyneux schießt mit Luftgewehr um sich!29 min read

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Peter Molyneux ist eine der schillerndsten und zwiespältigsten Personen in der Gaming-Branche. Spiele wie Fable, Curiosity, Godus oder Populous prägten und prägen alle Altersklassen und setzten Maßstäbe. Doch es sind nicht seine tollen Spiele, die immer wieder für Schlagzeilen sorgen, sondern er ist es selbst mit seinen überdrehten Versprechungen und irrwitzigen Ankündigungen.

Jason Schreier, Gaming-Autor der Seite kotaku.com, führte letztes Jahr ein Interview mit Molyneux, in dem er genau diese Thematik betrachtete. Zu diesem Zwecke schrieb er einen wunderbaren Artikel, den wir euch nicht vorenthalten möchten. Mit der Erlaubnis des Autor durften wir seinen Text ins Deutsche übersetzen und exklusiv bei Gameplane.de veröffentlichen. Wir wünschen euch viel Spaß mit dieser wirklich interessanten Analyse von Peter Molyneux. Übrigens: Der Titel dieses Artikel ist nicht gelogen. Aber lest selbst.

Peter Molyneux weint. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll, denn legendäre Spieleentwickler werden nur selten emotional, wenn sie es mit der Presse zu tun haben. Aber jetzt sitzt hier Molyneux, der in den letzten zwei Jahrzehnten so viele Spiele kreiert und so viele Interviews gegeben hat, und schluchzt ungehemmt in meinen Voice-Recorder.

Wir sprechen über Versprechungen. Molyneux, der eine Reihe Hits entworfen hat (z.B. Fable, Dungeon Keeper, Black & White und Populous), ist ein faszinierendes Paradoxon. Zum einen ist er bekannt für seine hervorragenden kreativen Leistungen, zum anderen für seine Neigung, großspurige Ankündigungen zu machen, die nie in Erfüllung gehen.

Im Laufe der letzten zwanzig Jahre, in denen er als Kopf von drei Unternehmen fungierte, bekam Molyneux den Ruf eines Marktschreiers, eines großen Redners, dessen größtes Talent darin bestand, Schlagzeilen zu machen. Wenn man bei Google „peter molyneux“ eingibt, erscheint als erste Auto-Vervollständigung „Peter Molyneux lügt“ (Anm. der Redaktion: Das mag im Englischen so gewesen sei, bei uns erscheint „Peter Molyneux Godus“). Die Zitate, die er regelmäßig rausgehauen hat, sind sowohl brilliant als auch hirnrissig.

Daher ist es etwas seltsam, ihn hier vor mir weinen zu sehen.

„Wenn es einen Grund gibt, warum ich den Leuten erzähle, dass sie an meinem neusten Spiel Godus interessiert sein sollen“, sagte Molyneux und bricht in Tränen aus, „dann ist es jener, dass ich nichts erschaffen würde, was meinen Sohn nicht stolz machen würde.“

Molyneux macht eine Pause. Er schnieft. Seine Stimme zittert. Ein Teil von mir möchte ihn umarmen, ein anderer Teil fragt sich, ob Molyneux nur eine Show abzieht.

„Er ist ein Gamer,“ sagt er, „und sollte ich jemals ein Spiel erschaffen, bei dem sich mein Sohn zu mir umdreht und sagt ‚Da hast du aber zu viel versprochen‘, würde mich das umbringen.“

Eicheln

Im Oktober 2014, kurz nach Veröffentlichung des Rollenspiels Fable, postete Peter Molyneux eine Rechtfertigung auf der Seite seines Studios. „Wenn ich in der Vergangenheit irgendein Feature erwähnt habe, das, aus welchen Gründen auch immer, es nicht in Fable gibt, dann entschuldige ich mich dafür. Jedes Feature, über das ich gesprochen habe, befand sich in der Entwicklung, aber nicht alle haben es ins fertige Spiel geschafft.“

In Interviews, die dem Release des Spiels vorausgingen, machte Molyneux ehrgeizige Versprechungen. Dass man in Fable Kinder bekommen könne; dass das Spiel die komplette Lebenszeit des Charakters umfasse; dass man eine Eichel vom Baum pflücken und einpflanzen könne und im Verlaufe des Spieles sehen könne, wie daraus ein Baum wachse. Nichts davon traf ein.

Aber es sind nicht alles nur Versprechungen. Molyneux‘ 20jährige Karriere in der Spieleindustrie hat einen wahren Wirbelwind an Zitaten hervorgebracht, die sich an Lächerlichkeiten häufig selbst übertreffen. „Ich würde meine Kinder für eine Multplayer-Version von Railroad Tycoon oder Civilization verkaufen“, sagte er 1993 in einem Interview. „Fable ist ein aufregendes Rollenspiel, weil die meisten anderen Rollenspiele scheiße sind“, sagte er 2007. „Ich weiß nicht, wie mein ehelicher Status sein wird, wenn wir Godus nicht auf Kickstarter bewerben“, erzählte er Kotaku 2012.

Diese Statements liefern sensationelle Überschriften, aber für einige Gamer schwächen sie nur das ab, was Molyneux bisher abgeliefert hat. Jedes neue Molyneux-Zitat wird von einer Welle negativer Kommentare wütender Fans begleitet, die genug haben von den großen Gesten und Versprechungen, die sich niemals erfüllt haben. Man beginnt sich zu fragen, ob es das sein wird, woran man sich in 50 Jahren bei dem Namen Peter Molyneux erinnert; nicht an die smarten und von Kritikern gelobten Spiele, sondern an die Dinge, die aus seinem Mund gekommen sind.

Fans und Kritiker haben sein Verhalten infrage gestellt und sich gefragt, was seine Beweggründe sein mögen und woher er seine Glaubwürdigkeit nimmt. Aber Freunde und Kollegen beschreiben ihn als einen genialen, leidenschaftlichen und talentierten Entwickler, den seine Worte immer wieder in Schwierigkeiten bringen.

„Ich denke, er versucht diese Dinge zu sagen, damit sie geschehen“, sagt Gary Carr, der derzeit das Entwicklerstudio Lionhead leitet und knapp zwei Jahrzehnte ein enger Mitarbeiter Molyneux‘ war. „Das ist seine Art, Kontrolle über seine Kreativität zu behalten. Ich denke, manchmal macht er das, um sein Team zu mehr Leistung zu drängen, wirklich.“

„Es gab da immer diesen Witz unter uns: ‚wieder der Bullshit in der Presse‘“, meint Sean Cooper, einer der erste Angestellten in Molyneux‘ erstem Spielestudio, Bullfrog. „Dabei war es nicht wirklich Bullshit, es war mehr wie ein Dehnen der Wahrheit.“

„Ich habe nie wirklich verstanden, ob Peter, ein genialer Visionär, der beabsichtigt, seine Versprechungen in die Tat umzusetzen, ein zwanghafter Lügner ist, der darauf aus ist, es allen Recht zu machen, oder ob er vielleicht ein verrückter Größenwahnsinniger ist, der seinen eigenen Übertreibungen glaubt“, sagte der ehemalige Bullfrog-Angestellte Mike Diskett. „Ich schätze, er ist von allem ein bisschen.“

„Das Problem ist, dass ich eine fürchterliche PR von mir gebe“, sagte Molyneux in einem Interview mit Kotaku 2013. „Ich bin einfach eine dieser Personen, die das, was sie tun, lieben; ich liebe, was ich tue, und wenn du jemanden hast, der das, was er tut, so sehr liebt, geschieht es natürlich, dass er darüber redet. Ich werde wohl sehr enthusiastisch rüberkommen.“

Kai Seuthe

Kaius spielt seit der Grundschule und wird das auch noch im Altersheim tun. Er ist als Let's Player KiltKaius unterwegs, schreibt Bücher und macht noch viele andere kreative Dinge. Retro-Spiele mag er, Rechtschreibfehler nicht. Darum kümmert er sich auch darum.
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